Insolvenzzahlen: „Erwarte keinen weiteren Anstieg“

Im dritten und letzten Teil des Sommerinterviews analysiert Ricardo-José Vybiral die aktuelle Insolvenzlage und erklärt seine Sicht der Dinge auf das Doppelbudget 2027/28. 

forum.ksv online: Die wirtschaftlichen Folgen aufgrund der Situation im Nahen Osten sind weltweit zu spüren – auch Österreichs Unternehmen sind betroffen. Auf die Insolvenzentwicklung scheint das aber keine Auswirkungen zu haben. Warum? 

Foto von Ricardo-José Vybiral im Gespräch
Ricardo-José Vybiral, CEO der KSV1870 Holding AG

Insolvenzzahlen reagieren bei weitem nicht so volatil, wie es etwa die Energiepreise tun, und treten im Regelfall deutlich zeitversetzter ein. Das weiterhin hohe Niveau an Insolvenzen ist vielmehr ein Ausdruck der seit Jahren konstant schwachen Wirtschaftssituation. Ob die Situation im Nahen Osten auch in den heimischen Insolvenzzahlen zu spüren sein wird, zeigt sich erst zu einem späteren Zeitpunkt. Ob es tatsächlich zu einem Anstieg kommt, wird jedoch auch davon abhängen, wie lange die derzeitige Situation im Nahen Osten weiter anhält. Momentan können wir nur auf eine Beruhigung aufgrund der US Midterm Elections hoffen und darauf, dass dadurch die Handlungsfähigkeit des US-Präsidenten zumindest teilweise eingeschränkt wird. 

Was ist der Trend bei den Insolvenzen? 

Die Insolvenzdynamik hat sich zuletzt etwas verlangsamt, und der leichte Rückgang von drei Prozent auf circa 3.400 Unternehmensinsolvenzen ist zumindest ein positives Signal. Ob wir aktuell lediglich von einem kurzfristigen Trend oder tatsächlich dem Beginn einer Entwicklung sprechen, lässt sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen. Nichtsdestotrotz befindet sich die Zahl der Firmenpleiten auf einem unverändert hohen Niveau, das es auch in der Vergangenheit nur selten gab. Aus heutiger Sicht erwarten wir, dass es in der zweiten Jahreshälfte in dieser Tonart weitergehen und am Jahresende rund 6.800 Fälle zu Buche stehen könnten. Das wäre de facto die Wiederholung des Vorjahresergebnisses. Was aus heutiger Sicht relativ klar erscheint, ist, dass ein weiterer massiver Insolvenzanstieg in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist. Auch deshalb, weil viele Insolvenzen, die besonders kritisch waren, bereits stattgefunden haben und die Unternehmer sehr vorsichtig geworden sind. 

Die Situation in der Wirtschaft ist auch immer dann ein Thema, wenn es um ein neues Budget geht? Wie beurteilen Sie das von der Regierung vorgelegte Doppelbudget 2027/28? 

Ich sehe darin leider keine maßgeblichen strukturellen Reformen. Der Reformwille ist nur im Sinne der taktischen Aufgabe, das EU-Defizitverfahren beenden zu können, gegeben. Das ist zwar sinnvoll, aber auch nur ein Kurzstreckenlauf. Die Hauptproblematik ist, dass sich die drei Regierungsparteien aneinander festklammern, damit sie weiterhin regieren können. Sie regieren nicht aus einer gesamthaften Stärke heraus. Das macht eine Veränderung des Wirtschaftsstandortes sehr schwierig. Österreichs Unternehmen fehlt das Vertrauen in die Zukunft. Es braucht einen Masterplan, bei dem alle in dieselbe Richtung gehen und für einen Aufschwung sorgen, der uns auf breiter Basis auch international wieder konkurrenzfähig macht.